Wer kennt sie nicht...
...die wässrigen Supermarkttomaten und träumt von den Tomaten, die es früher gab, geschmackvoll mit einer Note ins säuerlich-süßliche...
Jahrelang habe ich mich über Hollandtomaten geärgert, die penetrant nach nichts schmeckten und dachte, es wäre ein Hexenwerk, sie selbst zu züchten. Denn selbst die Tomatenpflanzen auf dem Balkon brachten nicht mehr Geschmack und nur eine sehr geringe Ernte.
Zum Tomatenanbau braucht man etwas Grundwissen, denn die Tomate ist die Rose unter den Nutzpflanzen und einige Sorten möchten gehegt und gepflegt werden.
Ich möchte auf dieser Seite eine Anleitung und einige Tipps geben. Aber auch verschiedene alte Sorten testen und die Geschmäcker hier vorstellen.
Für mich selbst habe ich das Vorhaben jährlich 5 verschiedene neue Sorten zu testen um DIE Tomate zu finden. Perfekter Geschmack heißt für mich, dass das Säure/Süße Verhältnis aufgewogen sein muss. Und weil ich Tomaten für jeden Zweck haben möchte und nicht jede Tomate jeden Zweck erfüllen kann, brauche ich 3 davon: Eine kleine Cocktail- oder Datteltomate für das Frühstücksbrot, eine mittelgroße Tomate für unseren heißgeliebten Kartoffelauflauf und eine Fleischtomate, für Gerichte, die lange gekocht werden, sowie zum Einmachen von Tomatensoße.
Zunächst einmal möchte ich die Grundsorten vorstellen.

Cocktailtomaten
Kleine feste Tomaten, die gut für Salate, Mozzarellasticks oder einfach aufs Brot geeignet sind.
Datteltomate
Das selbe in länglicher Variante.
Mittelgroße Strauchtomaten
Die Allzwecktomate, die gut als Brotbelag passt, aber auch in Aufläufen.
Flaschentomaten
Längliche größere Tomaten, die roh in der Regel keinen Geschmack haben und diesen erst entfalten, wenn sie gekocht werden. Die ideale Soßentomate also.
Fleischtomaten
Große fleischige Tomaten für Rohverzehr oder zum Kochen mit eher mildem oder fruchtigem Geschmack.
Wildtomaten
Buschig und üppig wachsende Sorte mit massenhaft kleinen Früchten von 1-2cm.


Tomatenanzucht

Früher habe ich Tomatenpflanzen auf dem Markt gekauft, denn mein Daumen ist nur grau-grün und für Anzucht habe ich einfach kein Händchen. Auf dem Markt bekommt man jedoch nur eine bescheidene Auswahl, nämlich genau die Sorten, die das Bundessortenamt zugelassen hat und von denen man die Tomaten auch im Supermarkt kaufen kann - Sorten wo das Augenmerk auf hohe Transportfähigkeit und Gleichförmigkeit gesetzt wurde statt auf Geschmack. Hat man ausnahmsweise mal eine Supermarktsorte erwischt die schmeckt, sollte man deren Samen nicht nehmen. Es handelt sich dabei ausschließlich um Hybridsorten, die nicht samenfest sind. Man bekommt also nie die Sorte heraus, die man verspeist hat.
Wer geschmackliche Erlebnisse möchte, kauft bei einem der Samenversender mit altbewährtem Saatgut oder bei einem der privaten Tauschringe für Saatgut. Wer das gewerblich macht, weiß welche Sorten wie schmecken, ist aber gesetzlich verpflichtet, vor dem Verzehr zu warnen, wenn die Sorte nicht zugelassen ist. Keine Sorge: giftige Tomaten gibt es nicht.
Tomaten sind wahre Überlebenskünstler. An der Hausecke unseres Supermarktes wuchs mal eine Pflanze, weil wohl irgendwer mal dort eine Tomate verloren hat, die sich dann selbst ausgesamt hat. Gedüngt von den vielen Hunden, die die Ecke zum markieren nutzten, trug sie viele Früchte und war der Hingucker eines jeden Passanten. Daher nur keine Scheu, Tomaten keimen immer!
Der Aussaatzeitpunkt liegt zwischen Januar und März. Da der Januar ein lichtarmer Monat ist, sollte man so früh aber nur unter perfekten Bedingungen säen, sprich eine Pflanzenlampe haben. Anfang März gesäte Pflanzen sind zwar kleiner, holen das aber schnell auf, sodass man nach kurzer Zeit gar keinen Unterschied zu früher gesäten Pflanzen sieht.
Aussäen sollte man einzeln in Anzuchtschalen und ausrangierten Blumentöpfen, denn das Pikieren ist eher schwierig.


Die richtige Erde und Düngung

Beim Aussäen sollte die Erde mager sein und erst wenn die Pflanze das erste richtige Blattpaar hat gedüngt werden. Man kann spezielle Anzuchterde kaufen, aber auch Erde selber mischen. Da ich kein Freund von Torf bin, mische ich selbt. Als Grundlage nehme ich Kokosfaser. Sie nimmt viel Feuchtigkeit auf und gibt sie im Gegensatz zu Torf auch gerne wieder ab, ist aber ansonsten ohne Nährstoffe. 2/3 der aufgequollenen Kokosfaser mische ich für die Anzucht mit 1/3 Kompost oder gut durchgerottetem Mist und mische soviel Sand zu, dass die Erde locker ist. Ideal ist, diese Erde zu sterilisieren. Das kann man in der Mikrowelle tun, bei höchster Wattzahl 10 Minuten oder die Restwärme vom Sonntagsbraten nutzen.
Wenn das erste Blattpaar erscheint, sollte umgetopft werden, denn die Pflanzen brauchen jetzt Nahrung. Bewährt hat sich bei mir eine Mischung aus Kokosfaser, Mist/Kompost, Urgesteinsmehl, Horn- und Knochenmehl, Eierschalenmehl, Holzasche und Sand. Doping für die Tomaten ist ungewaschene Schafwolle unter der Erde - ein perfekter Eiweißdünger, den es inzwischen auch für teures Geld im Düngehandel gibt. Wer keinen Mist oder Kompost hat, kann einfach einen Nutztierzüchter fragen. Die meisten freuen sich, wenn sie Abnehmer haben und geben den Mist kostenlos ab. Wer in Bochum wohnt, kann gut durchgerotteten Mist von mir haben, ebenso Schafwolle. Für Holzasche gilt das selbe, Menschen die mit Holz heizen, haben in der Regel zu viel davon. Eierschalen kann man getrocknet gut im Mixer zerkleinern und alle anderen Zutaten in jedem Agrarhandel oder Baumarkt kaufen. Gegen gekaufte Erde spricht viel: Sie ist entweder teuer oder künstlich gedüngt und auf Blumen ausgelegt, die einen ganz anderen Nährstoffbedarf haben. Als Grundsubstanz wird in der Regel Torf genommen (selbst bei Bioerde, wie ich neulich mit Schrecken feststellen musste!), dessen Abbau aus ökologischer Sicht Wahnsinn ist und eigentlich nur bei Gewächsen Sinn macht, die saure Erde lieben - dazu gehören weder Blumen noch Nutzpflanzen. Torf hat zudem die Eigenschaft viel Wasser aufzunehmen, aber wenig abzugeben.


Pflege

Die Tomaten sollten ab Ende April/Anfang Mai ins Endgefäß oder ins Freiland gesetzt werden. Im Gefäß sollte die Erdmischung stimmen oder regelmäßig flüssig gedüngt werden.
Tomaten enwickeln in den Blattachseln immer wieder neue Triebe. Lässt man diese wachsen, wird die Pflanze sehr buschig und trägt wenig. Diese Triebe sollte man daher täglich ausbrechen, das nennt man ausgeizen.
Es gibt auch Sorten, bei denen man diese Arbeit nicht machen braucht, z.B. Ampeltomaten, Buschtomaten oder Wildtomaten. Für den blutigen Anfänger oder jemand, der keine Lust auf intensive Beschäftigung mit den Tomaten hat, ist das die Lösung.


Krankheiten

Tomaten sind recht krankheitsanfällig. Hier sämtliche Krankheiten aufzuzählen würde den Rahmen sprengen und darüber kann man auch gut auf diversen Tomatenseiten lesen. Wichtig ist vor allem zu wissen, dass Tomaten weder Gewächshäuser lieben noch Wasser von oben. Man muss also eine Zwischenlösung finden. Baut man Tomaten auf dem Balkon an, sollte er überdacht sein. Im Freiland muss man das Dach eben bauen, das kann man mit einfachen Mitteln machen oder auf Plastikhüllen ausweichen, die es extra für Tomaten gibt und mitwachsenDie häufigste Krankheit ist die Braun- oder Krautfäule und die kann ganze Tomatenernten vernichten.
Eine weitere häufige Krankheit ist die Blütenendfäule. Auf der Tomatenunterseite bildet sich ein schwarzer Fleck, genau dort wo die Blütenreste gesessen haben. Diese Krankheit entsteht durch "Sonnenbrand" er Blüten oder ist Kalkmangel. Es nützt aber nicht immer mit Kalk zu düngen, denn manchmal kann die Pflanze durch Stickstoffüberschuss den Kalk einfach nicht aufnehmen. Daher tritt diese Krankheit häufig beim Anbau in Töpfen auf, weil man zwangsläufig den Stickstoffgehalt in der Erde komprimieren muss.


Was tun mit wässrig schmeckenden Tomaten?

Auch wenn man alte Sorten anbaut, kann man Pech haben und die Tomate schmeckt nach nichts. Das liegt daran, dass Tomaten so einfach zu vermehren sind. Ein fantasievoller Name dazu und schwups ist die nächste Tomatensorte kreiert. Es gibt daher Tausende davon und nicht jede schmeckt. Außerdem sind auch die oftmals sonnenarmen Sommer schuld. Ohne Sonne, kein Geschmack.
Kein Grund zum Verzweifeln oder gar zum Wegschmeißen. Fast jede Tomate bekommt spätestens dann Geschmack, wenn sie erhitzt wird. Daher kann man einfach Tomatenmark einkochen. Ich mache das mit einer sehr einfachen und zeitsparenden Methode. Ich schneide - wenn nötig - den Stielansatz heraus und püriere die rohen Tomaten im Mixer. Dann einmal aufkochen lassen (Vorsicht: es schäumt) und heiß in Gläser oder Flaschen abfüllen. Wer will kann auch noch Salz hinzufügen. Und falls diese Grundsoße zu säuerlich ist, schafft Vollrohrzucker Abhilfe. Das Ergebnis ist ein Vorrat an Tomatensoßengrundsubstanz, die ich gerne zu Bolognesesoße verarbeite oder für Gulasch nehme. Oder durch weiteres Kochen verdicke und als Pizzasoße genieße.


Getestete Sorten:


Zwei Venusbrüstchen

Diese Sorte dachte ich aus den Vorjahren zu kennen, habe die Samen dieses Mal jedoch woanders gekauft. Mit der Reife wurde mir dann klar, dass es mehrere Sorten gibt: das rote Venusbrüstchen und das gestreifte Venusbrüstchen, eine typische Datteltomate, die leicht gestreift ist, sowie auch eine gelbe Variante, die aber nach nichts schmeckt.
Das rote Venusbrüstchen gehört zu den italienischen Piennolo-Sorten. Piennolo-Tomaten werden als Wintertomate angebaut, denn sie ist sehr lagerfähig. Nach der Ernte werden sie aufgehangen und halten sich dann weit bis ins neue Jahr hinein und gewinnen dabei an Geschmack.
Bei Ernte schmeckt die Frucht süß und ist extrem festfleischig. Mit der Lagerung kommt dann der echte Geschmack, das Fruchtfleisch wird weicher und der Geschmack intensiv aromatisch. Diese Sorte ist daher nur für Leute geeignet, die eine Lagertomate haben wollen. Die Früchte lassen sich bis mindestens April des Folgejahres lagern. So kann man fast das ganze Jahr eigene Tomaten haben.
Achtung: Die Samenernte sollte bei Reife erfolgen, denn die Samen werden bei Lagerung zu klein.

Das rote Venusbrüstchen wird optisch seinem Namen gerecht


Das grün-rot gestreifte Venusbrüstchen ist eine kleine Datteltomate mit perfektem Süße-Säure-Verhältnis. Die Schale ist recht hart, was aber ebenfalls zur guten Lagerfähigkeit beiträgt. Ich habe in einem Jahr die letzten Tomaten zwischen Äpfeln nachreifen lassen und eine Tomate übersehen, die ich dann erst im Februar gefunden habe - sie war wie frisch geerntet.

und das gestreifte Venusbrüstchen


Sibirskij skorospeli/Sibirische Frühreife

Buschtomate mit ausgewogenem Geschmack, insgesamt finde ich ihn etwas zu flach. Da diese Tomate aber sonst alle Ansprüche erfüllt, wird es sicherlich nicht das letzte Mal sein. Pluspunkte für den Balkonanbau: Sie wird nicht höher als die Balkonbrüstung und ist ein wahrhafter Massenträger. Pluspunkt für den Freilandanbau: Aufgrund ihrer kalten Herkunft soll sie sehr unempfindlich sein.

Nur ein kleiner Pflanzenausschnitt, die ganze Pflanze hängt voller Tomaten


Prinz Tschernij/Schwarzer Prinz

Diese Tomate aus Russland ist die beste Fleischtomate, die ich bis 2016 gegessen habe. Das mag kein überragendes Urteil sein, denn bisher kannte ich keine Fleischtomaten mit Geschmack. Der aber hat mich vollends überzeugt: Ein perfektes Süße/Säure-Verhältnis, kein intensiver Tomatengeschmack, sondern eher fein und einzigartig. Muss man gegessen haben!
Die Pflanze wurde bei mir (Balkonkasten) 1,50m hoch. Die Früchte sind ein Multitalent für alles, sowohl für den Rohverzehr als auch für Soßen und Suppen (und das schreibt eine, die Tomatensuppe bislang für ungenießbar gehalten hat!). Die Früchte sind sehr weich und sollten bald nach Ernte verarbeitet werden.

Der russische schwarze Prinz


Black Cherry und Aromastar

Ich habe diese beiden Sorten zusammengefasst, weil ich beim besten Willen weder im Geschmack noch in der Tomatenoptik einen Unterschied feststellen kann. Lediglich die Pflanzen sehen sehr unterschiedlich aus. Beide werden sehr hoch, die ukrainische Aromastar wächst aber sehr kompakt und hat die 4 Meter-Marke geknackt. Auch die Black Cherry wächst sehr in die Höhe. Der Geschmack ist fein säuerlich-würzig und sehr intensiv. Bei anderen Anbauern wird er eher als süß beschrieben, was bei mir nicht der Fall war. Der Ertrag ist mittel bis gut. Empfehlenswerte Sorte für alle, die Platz in der Höhe und keine Höhenangst haben ;-).

Aromastar

Black Cherry-Rispe
Black Cherry


Himbeerrose

Eine gute Tomate für Anfänger und Faule, da sie nicht ausgegeizt werden darf. Die Himbeerrose wächst in Ampeln, die dichten Rispen wachsen überhängend und die Früchte werden dattelgroß. Vom Geschmack bin ich etwas enttäuscht, es fehlt an Aroma und Süße. Aber das ist mein ganz persönlicher verwöhnter Gaumen, ich weiß dass andere begeistert sind.

Nur kleine Rispenausschnitte, von denen es viele gibt


Nepal

Eine Fleischtomate mit festem Fruchtfleisch. Aromatisch-tomatig, sehr gut frisch essbar, jedoch keine Tomate zum kochen, da verliert sie sehr an Aroma.

Nepal


Gelbe Dattelweintomate

Perfekte Balkontomate, da nicht hochwachsend und Massenträger, wenn die Topfgröße stimmt. Leider reift sie sehr spät. Die Früchte sind gelb, länglich und klein, der Geschmack variiert nach Standort, der sonnig sein sollte. Dann schmeckt diese Sorte sehr aromatisch-würzig ohne große Süße.

Dattelweintomaten auf einem Unterteller zum Größenvergleich



Negativsorten


Hier führe ich getestete Sorten auf, die für meine Geschmacksnerven durchgefallen sind, weil sie keinen oder kaum Geschmack hatten:

Besser

Der "bessere" Ertrag ist deutlich erkennbar, die Tomaten hängen in langen Rispen herab. Den "besseren" Geschmack kann ich nicht bestätigen, bei mir schmecken diese Tomaten nach fast gar nichts. Sie wird jedoch von anderen als aromatisch-süß beschrieben, evt. wäre sie an einem anderen Standort geschmackvoller gewesen.

Die gar nicht bessere "Besser"


Matina

Was soll man von einer Tomate, die vom Bundessortenamt zugelassen ist, schon erwarten? Vor allem wohl Geschmacklosigkeit. Definitiv keine Tomate, die Wiederholung braucht, ich bin froh nicht mehr als 2 Pflanzen zu haben, deren Früchte allesamt in Tomatensoße verwandelt wurden.


Fuzzi Wuzzi

Perfekte Balkontomate, kleinbleibend, ansonsten sind aber nur noch Name und Optik klasse. Die Tomate selber erinnert stark an holländische Wassertomaten, zudem noch leicht mehlig. Oder wie ich treffenderweise irgendwo im Netz gelesen habe: "Wie ein ausgezuselter Waschlappen." (Aussage von einem Kind)Uaaaaah!


Fuzzi Wuzzi






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